Nachruf auf Hanskarl Rotzinger

17.03.1940 - 15.03.2017

Hanskarl Rotzinger, Freund, Lehrer, Vorbild, 6. Dan Karate. Schon als Pfadfinder war er ein Mensch, zu dem ich aufblickte. Dann trafen wir uns 1968 im Karate Zentraldojo Konstanz wieder, in verschiedenen Rollen, oft zusammen. Er war der unangefochtene Cheftrainer, die moralische Eminenz, die sportliche Instanz schlechthin:

Hart zu sich selbst, gütig zu anderen, humorvoll, moralisch integer wirkte er in den Verein, so wie er später sein eigenes Dojo formte, gradlinig wie ein Samurai.

Trotz früherer sportlicher Erfolge war Ihm der geistige Hintergrund wichtiger als der Vergleich im Wettkampf. Das Leben, soziales Engagement, die Hilfe für Andere hatten für ihn einen höheren Stellenwert als alle Anerkennung und materiellen Güter der Welt. Bescheiden wie er war, hätte er diese Zeilen wahrscheinlich nicht gewollt. Aber ich will ihn und seinen Spirit am Leben erhalten als Vorbild für alle Karate-Sportler.

Erinnerungen an Hanskarl Rotzinger

 

Ich habe 1967 mit Karate angefangen, zuerst bei Walter Schatz, dann bei Viktor Waibel. Ungefähr 1969 kam Hanskarl Rotzinger aus München zurück nach Konstanz. Ich habe ihn oft auf seinen Selbstverteidigungslehrgängen als Trainings- und Vorführpartner begleitet, nach Stockach, nach Radolfzell. Als sein „Crashtest-Dummy“ kam es besonders auf Bauchmuskeln, Fallschule und Schmerztoleranz an. Er verband spielerisch Elemente aus Karate, Aikido, Judo und Jiu Jutsu. Schon damals faszinierte mich seine Bandbreite.

 

Ich habe doch gar nicht geduscht!

Seine Autorität wurde nie in Frage gestellt. Dabei war er stets gütig und hilfsbereit. Aber er konnte auch knallhart sein. In der Konstanzer Sonnenhalde-Turnhalle war es üblich, dass nach dem letzten Training jemand die Dusche saubermachte. Einfach mal schnell durchwischen und gut. Nach einem gemeinsamen Training von Unter- und Oberstufe bat Hanskarl einen Weißgurt in der ihm freundlichen Art, doch gleich noch die Dusche durchzuwischen. Da geschah etwas Unerhörtes: „Warum soll ich jetzt die Dusche aufwischen? Ich habe doch gar nicht geduscht!“ Während wir sprachlos darauf warteten, dass jetzt gleich Blitz und Donner vom Himmel fallen würden, entgegnete Hansel kurz und knackig: „Du brauchst überhaupt nicht mehr zu kommen.“

Das war zwar sicher keine Kündigung, die dem heutigen Vereinsrecht entsprach, aber wir waren auch kein Verein, der nach heutigen Regeln geführt wurde. Wir waren ein Dojo, in dem der Geist der Samurai innewohnte.

 

Saubach

Wo heute der Döbele-Parkplatz vor Autos überquillt, machte früher der Saubach seinem Namen als sumpfiges kleines Grenzgewässer alle Ehre. Er war Teil der 1639 angelegten Verteidigungsanlagen rund um die Handelsstadt Konstanz und trennte Deutschland von der Schweiz. Direkt daneben hatte sich ein Schrotthändler niedergelassen. Hinter einem hohen Drahtzaun türmten sich Metallfelgen, alte Fahrräder, ausgeschlachtete Autos, Motorteile, Berge von Eisen, Blech, Aluminium und Bleirohren aus alten Häusern. Der Boden war ölgetränkt. Und mittendrin eine zweistöckige Baracke. Wer damals mit dem Schrotthändler übereingekommen war, dass Konstanzer Karateka sich dort im Obergeschoss einen Trainingsraum einrichten durften, weiß wahrscheinlich kein Mensch mehr. Jedenfalls gab es ein Trainingsbuch und einen Schlüssel, der unter besonders trainingseifrigen Mitgliedern mit masochistischer Veranlagung weitergegeben wurde.

Der Boden des etwa 70 qm großen Raums war mit gelbem Linoleum ausgelegt, der sich im Sommer etwas wellte, die weiß gestrichenen Wände hinter den beiden Makiwaras waren blutverspritzt. Wer gerade den Schlüssel hatte, legte all seinen Ehrgeiz hinein, weitere Blutspritzer hinzuzufügen. Die Baracke war unbeheizt, im Winter bildeten sich Eisblumen an den Fenstern. Jeder arbeitete für sich alleine, schwitzte vor sich hin, bolzte Grundschule, Katas und Kondition. Wer in diesem Dojo trainierte, tat dies nicht um an seiner Technik zu feilen, sondern um sich zu quälen. Das Linoleum war stets Schweiß bedeckt und rutschig. Wer im Winter das Pech hatte, nach Hanskarl zu trainieren, fand auf dem Boden Glatteis vor, das er nur durch exzessives Makiwara Training etwas antauen konnte. Und wieder war die Wand ein wenig röter, auf dem spröden Polster würde später das Blut von den aufgeschlagenen Knöcheln gefrieren.

Es war ein weiter Weg vom Saubach zum klimatisierten, hygienischen Dojo mit Duschen, Umkleideräumen und all dem heutigen Luxus! Aber hätten wir das damals nicht durchgemacht, könnten wir heute diese alten „Kriegsgeschichten“ nicht erzählen.  Und so mancher von uns hätte nicht diese lebenslange, persönlichkeitsbildende Einstellung zu unserem Sport.

 

Gasshuku

Das Gasshuku ist mittlerweile eine Institution in Deutschland. Kaum bekannt ist, dass Hanskarl Rotzinger 1970 das erste Trainingslager organisierte. Er hatte noch Kontakt aus seinem früheren Pfadfinderalltag zu einem Pater, der mittlerweile in der Zisterzienserabtei Mehrerau bei Bregenz lebte. Dort quartierten wir uns für eine Woche ein, nahmen so gut es ging am Leben der Mönche teil, und trainierten von früh morgens bis spät abends. Die Leitung des Trainings übernahmen Hanskarl Rotzinger und Sensei Ichiro Kobayashi, in seinem bürgerlichen Leben Shinto Priester in Koshigaya nahe Tokyo. So kamen neben Technik, Taktik, Kraft und Schnelligkeit auch die psychologischen und spirituellen Aspekte des Karate zum Tragen. Die beiden Konstanzer Kumite-Mannschaften erkämpften bei der darauffolgenden Deutschen Meisterschaft des DKB den ersten und dritten Platz.

Hanskarl Rotzinger beschränkte sich von Anfang an nie auf eine Sache. So wie er später in Gaschurn Skifahren und Karate unter einen Hut brachte, war für ihn weltlicher Sport ohne spirituelle Festigkeit nicht denkbar. Seine christliche Erziehung, seine Jugend als Ministrant und Pfadfinder, sein eiserner Wille, seine sportliche Fairness formten aus ihm einen Menschen, den man sich getrost als Vorbild nehmen kann. In der Tat hat er Generationen von Sportkameraden geprägt.

Kobayashi-Sensei, heute einer der höchsten shintoistischen Würdenträger Japans mit Kontakten bis in den Kaiserhof, erinnert sich noch lebhaft an Konstanz und „Hanskarl-Sensei“.

 

Gesänge

Hanskarl war voller ansteckender Lebensfreude. Das offenbarte sich auch beim geselligen Zusammensein nach dem Training oder auf Reisen, bei Lehrgängen und auf Seminaren. Da war zum Beispiel das Trinklied „Hand auf’n Tisch“. Es begann damit, dass jeder Tisch symmetrisch besetzt sein musste und jeder ein volles Getränk vor sich hatte, meist war es ja Bier. Man sang „Hand zum Glas, Hand zum Glas oh lalalala, Hand zum Glas Hand zum Glas oh lalale.“ Dann Glas in die Höh usw.“ Dann „ein Prosit ein Prosit der Gemütlichkeit.“ Es ging weiter mit Glas auf’n Tisch“, dann „Hand zum Tisch“, Hand untern Tisch“, „Die andre auch“, „Arsch vom Stuhl“, „Fuß auf’n Stuhl“, „De andre auch“, Dann „Tisch in die Höh“, „Hand zum Glas“, „Glas in die Höh“ Dann „ein Prosit ein Prosit der Gemütlichkeit.“

Spätestens jetzt traf so manchen Wirt der Schlag, wenn die fröhliche Karate Runde auf den Stühlen stand, den Tisch knapp unter der Zimmerdecke, die Bierkrüge hob und der Gemütlichkeit ein Prosit widmete. Das Ganze ging dann geordnet wieder rückwärts Glas auf’n Tisch, Hand unter’n Tisch, Tisch auf’n Boden, Fuß vom Stuhl, de andre auch, Arsch auf’n Stuhl, Hand ans Glas, Glas in die Höh und nochmal gab’s ein Prosit an die Gemütlichkeit.

 

Ein anderes Lied entstammte dem Repertoire der Pfadfinderbewegung. Es war ein sogenannter Scat-Refrain, bei dem die Melodie keine Rolle spielte. Einer gab Text und Bewegung vor, die Anwesenden machten das Echo. Der „Song“ hieß „Adele kita conga“. Der Ursprung soll im Südpazifik sein, der Text machte eher keinen Sinn: „Oh Adele, ah teri tiki tomba, ah massa massa massa, oh balue balua balue.” Ein Dojomitglied ebenfalls mit Pfadfinderhintergrund textete den Song anlässlich einer Geburtstagsfeier von Hanskarl um: „Oh Oizuki, Gyaku zuki Jodan - Sukui uke Gedan - Mae geri, Yoko geri Ashi barai.“ Die nächste Strophe war dann schneller und lauter, der Einpeitscher variierte Tempo und Stimme, zwischendurch wurde auch mal eine Strophe geflüstert, die Auswahl der Techniken war natürlich frei. Bisweilen geschah dies pantomimisch, dann kamen Brüller wie Yoko Tobi Gedan, die man auch versuchte auszuführen. Es war lustig zu sehen, wie der eine oder andere versuchte rechtzeitig vor der Landung sein Fahrgestell wieder unter die Beine zu bekommen. Diese Gaudi machte auch unseren ausländischen Gästen Laune, so dass dieser Scat-Refrain bald um die ganze Welt ging. Er war zwar nicht mit Hanskarls Namen verbunden, aber ohne ihn und seine Allegria wäre er gar nicht entstanden.

 

Karfreitag

In der Karwoche vor Ostern gab es ja kein Kirchengeläut. Dafür wurden große Ratschen benutzt, die offenbar schon damals bei empfindlichen Mitmenschen zu Lärmbeschwerden geführt hatten. Der Pfarrer ist davor eingeknickt und schloss die Ratschen weg. Daraufhin stiegen zwei Ministranten mit Holzkisten auf den Kirchturm und trommelten mit Schlegeln zur vollen Stunde. Wer war da wohl dabei? Natürlich Hanskarl!

PS: Heute ist die Karwochenratsche übrigens immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO!

 

Sardinien

Noch zu Pfadfinderzeiten war Hanskarl mit einem meiner Brüder unterwegs von Konstanz nach Sardinien. Jeder hatte einen Motorroller und einiges an Gepäck, darunter eine Gitarre. Auf der Fähre von Genua nach Porto Torres saßen die beiden auf dem Achterdeck und sangen Pfadfinderlieder zur Gitarrenbegleitung. Ein Song hieß „Der Hahn ist tot, der Hahn ist tot. Er kann nicht mehr krähen Coco-di coco-da. Coco coco coco-di coco-da.“

 

Da näherte sich ein junger Pfarrer, stellte sich vor als Don Cocco und fragte, was sie denn da sängen. Sie freundeten sich an und Don Cocco lud sie ein, ihn in seiner Pfarrei in Perdaxius zu besuchen, im Süden Sardiniens. Eine Woche später rollten Hanskarl und Edwin in Perdaxius ein. Schon von weitem hatten sie eine schwarze Rauchsäule über dem Dorf gesehen, irgendwo brannte etwas. Ein Haus in der Nähe der Kirche stand in Flammen. Das Dach war offenbar frisch gedeckt, denn die Dachziegel schienen wie neu. Alle Dorfbewohner standen offenbar ratlos um das Haus, so sie nicht Wasser schleppten und wichtige Dinge aus dem Haus holten. „Jeden Tag eine gute Tat“, dachten sich die beiden Konstanzer Pfadfinder, „retten wir dem Mann seine Dachziegel!“

Hanskarl kletterte aufs Dach und hob einen Ziegel nach dem anderen heraus und warf ihn nach unten, wo Edwin ihn auffing und einen Stapel aufschichtete. Da die Ziegel immer heißer wurden, legte sie Edwin immer schneller weg, was trotz der Katastrophe zur Erheiterung der umstehenden Sarden beitrug. Schließlich war nichts mehr zu machen und die beiden Deutschen standen erschöpft, mit brandschwarzem Gesicht neben einem Haufen wiederverwendbaren Dachziegeln.

 

Es ist müßig zu berichten, dass die beiden danach Gäste des ganzen Dorfes waren! Sie wurden weitergereicht von Familie zu Familie, Ziegen und Schafe wurden geschlachtet, Wein floss in Strömen. Don Cocco besuchte uns Jahre später in Konstanz. Als ich 1985 als Soldat mit Familie nach Sardinien versetzt wurde, besuchte ich natürlich Don Cocco in Perdaxius und stellte ihm Frau und Kinder vor. Er nahm mich mit zu Nachbarn, die die Ähnlichkeit mit meinem sechs Jahre älteren Bruder erkannte, und mich begrüßte mit: „Il fratello di Edwino!“ Und schon wurde eine Ziege geschlachtet. So profitierte ich 25 Jahre später vom unvergessenen Feuereinsatz von Hanskarl und Edwin.

 

Meikyo

 

Teil 1 der Geschichte.

Da ich als Braungurt ganz heiß darauf war, Katas zu erlernen, hatte ich mit Super-8-Filme gekauft, Hefte und Bücher besorgt und viele Katas erlernt, wie man sie eigentlich nicht lernen sollte. Ich war vom ersten Tag an Karate-begeistert, erlernte die Teezeremonie, lernte Japanisch, dekorierte mein Zimmer in japanischem Stil, trug im Haus japanische Kleidung, las Bücher über Japan und über Zen. So war es naheliegend, dass alle japanischen Gastlehrer in Konstanz in unserer elterlichen Wohnung unterkamen. Ichiro Kobayashi war zum Beispiel einer von ihnen, der später Ehrenmitglied des Vereins wurde. Oder Bundestrainer Hideo Ochi. Die Wochenendlehrgänge dauerten damals noch von Donnerstag bis Sonntag. D. h. es gab zwischendurch viel Zeit für die Gastbetreuung, Ausflüge, Besichtigungen etc. Aber man war auch stundenlang zuhause. Ich kam auf die Idee, Herrn Ochi zu bitten, mir eine neue Kata zu zeigen, aus der ich dann eine Fotoserie machen würde. Er willigte ein und bot die Kata MEIKYO an, eine Kata, die in Deutschland damals noch unbekannt war.

Ich räumte das Wohnzimmer leer, hing Bilder ab und stellte die Kamera auf ein Stativ. Geladen war ein Film mit 36 Aufnahmen. Anfangs fotografierte ich jede Technik. Als das Zählwerk auf 26 stand, wurde ich vorsichtig und ersparte mir Detailaufnahmen. Die letzten zwei Techniken passten nicht mehr auf den Film, ich versuchte sie mir einzuprägen. Als der Film vom Entwickeln zurückkam fehlte der Sprung. Da er verwackelt war, wurde - wie damals üblich - kein Abzug gemacht. An Hand dieser Bildserie lernte ich die Kata Meikyo.

 

Teil 2 der Geschichte.

Eines Tages fragte mich Hanskarl, welche Kata ich zurZeit trainiere. Da er von Meikyo noch nie etwas gehört hatte, sollte ich sie ihm beibringen. Nach jedem Training bat er mich, mit ihm die Meikyo zu machen.

 

Teil 3 der Geschichte.

Hanskarl war damals in der Deutschen Karate Nationalmannschaft. Nach dem Vorbereitungslehrgang zu einem Länderkampf forderte Bundestrainer Hideo Ochi jeden auf, eine Kata seiner Wahl zu machen. Hanskarl entschied sich für die Meikyo. Ochi Sensei lachte herzlich und sagte, „Diese Kata so bitte nicht noch einmal machen.“

 

Teil 4 der Geschichte.

Ein ziemlich wütender Hanskarl Rotzinger konfrontierte mich im nächsten Training: „Ich habe die Meikyo gemacht. Ochi hat mich ausgelacht. Von Dir lerne ich nie wieder eine Kata!“ Okay, Hansel. Dumm gelaufen, ich stehe dazu.

 

Andreas Fecker

 

Zu Hanskarls Beerdigung kamen 600 Karateka aus ganz Deutschland

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Andreas Fecker